Eindrücke eines deutschen Fans – Eine EM-Reise gen Osten, in die Stadt mit tausend Namen und noch mehr Pflastersteinen

Wir wollen hier nicht nur unsere eigenen Recherchen und Erfahrungen vorstellen, sondern auch Ukrainer und deutsche Fans zu Wort kommen lassen. Die ukrainische Sicht auf die EURO kam schon einige Male vor. Im Folgenden nun, ergänzend zum Artikel über die mobile Fanbotschaft, der Bericht eines deutschen Fans über Eindrücke, bestätigte und widerlegte Vorurteile, positive und negative Überraschungen während seiner Reise zum ersten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal:

Das Ziel stand schon lange fest – Lemberg/Lwiw/Lwow/Lviv… wie nun eigentlich genau… naja, Hauptsache wir kommen da an, wo wir hinwollen – nach dem Motto „es wird schon auf Kyrillisch dran stehen“. Wir hofften für die Anfahrt auf einen deutschen Zuschauerstrom, dem wir folgen würden. Immerhin wartete in 900 Kilometer Entfernung das erste EM-Spiel gegen Portugal und Christiano Ronaldo in der sogenannten „Todesgruppe“ (ich hoffte, wir kämen wieder heil zurück…). Die Reisevorbereitungen erfolgten natürlich kurz vor knapp einschließlich der Ummeldung des Autos, das uns begleiten sollte und einem kurzfristigen morgendlichen Besuch der ukrainischen Botschaft in Berlin. Hier wurde mir dann wider allen Erwartungen der Eindruck einer ganz entspannten Grenzkontrolle vermittelt, sodass sich meine Hoffnungen der schnellen Grenzpassage zwischen Polen und der Ukraine nahezu potenzierten. Meine Mitfahrer waren da noch skeptisch.

Der 1. Stau natürlich in Deutschland, nachmittags um 15.30 Uhr. Den Berichten über die vorübergehende Aufhebung des Schengenabkommens zum Trotz, passierten wie die erste Grenze nahezu unbemerkt. Einzig das nun folgende Stück Autobahn bestätigte uns sehr stark in der Annahme nun Polen erreicht zu haben. Allerdings muss man auch sagen, dass bei der Annäherung des Landesinneren und der großen Zentren wie Breslau, Kattowitz und Krakau die Autobahn in einem top Zustand war. Ein erster Indikator für die polnische Fußball-Begeisterung (zumindest zu diesem Zeitpunkt) waren die leergefegten Autobahnen.

In Krakau angekommen, suchten wir vergeblich nach dem berühmten deutschen Public Viewing, nicht mal auf dem Rynek Glówny, dem zentralen Platz von Krakau. (da kein Spielort, gibt es in Krakau auch keine offizielle UEFA-Fanzone; Anm. d. Red.) Jedoch waren alle Cafés und Restaurants mit einem Fernseher ausgestattet, wo sich dann ein Großteil der Leute aufhielt. Ich war von der ersten Minute an von der Schönheit der Innenstadt begeistert und erstaunt zugleich. Am Abend war dann trotz eines mäßigen 1:1 gegen die Griechen Party bei den Polen angesagt. Die Begeisterung kannte keine Grenzen und so wurde die Dichterstatue gestürmt und besetzt. Es herrschte eine ausgelassene und friedliche Stimmung, da sich auch Russen und Tschechen unter die Zuschauer gemischt hatten.

Am nächsten Morgen ging es weiter und die viel besprochene polnisch-ukrainische Grenze kam Stück für Stück näher. Knapp 50 Kilometer hinter Krakau war es jedoch erst mal vorbei mit der Autobahn, so ging es auf einer gutausgebauten Bundesstraße weiter. Man merkte sofort: in dieser Richtung muss was los sein, denn die ersten portugiesischen und noch viel mehr deutsche Autos waren nun unterwegs. Jedoch wollten auch die polnischen Kollegen zu ihren Einkäufen am Samstagvormittag, sodass es teilweise nur im Schritttempo vorwärts ging. Ein ausgiebiger Bummel durch Lemberg rückte bereits hier in weite Ferne. 100 Kilometer vor der Grenze wurde die Straße spürbar schlechter und die Dichte der Radarkontrollen wuchs nahezu exponentiell. Freundlicherweise wurde ein Großteil davon mit einem Verkehrsschild vorher angekündigt. Vorbei an einem Hochzeitszug sowie den großen Autobahnbaustellen rollten wir auf die Grenze zu. Die Stimmung war angespannt – wie lange würde dieses Unterfangen wohl dauern? Zunächst reihten wir uns in eine längere Schlange ein und bekamen ein grünes Euro-Line-Schild. Dann ging es jedoch schnell vorwärts und wir waren im Grenzstreifen. Hier angekommen, wurden wir von den Ukrainern und Polen getrennt und befanden uns nun nur unter EM-Touristen. Zirka 30 Minuten später hatten wir unsere Pässe wieder. Kurz unsere „heiße“ Kofferraumfracht gezeigt und dann waren wir wieder „frei“. Insgesamt vergingen so lediglich 50 Minuten.

Das erste Highlight auf ukrainischer Seite ließ nicht lange auf sich warten: In einem kleinen Dorf ist großer Aufruhr und „Kuhalarm“. Gefühlt ist das halbe Dorf auf den Beinen, ob Alt oder Jung, um die Kühe von der einen auf die andere Seite entlang der heute viel befahren Hauptstraße zu jagen. Die alten Frauen in Kittelschürzen und die vielen unfertigen Häuserneubauten bleiben in lebhafter Erinnerung. In Lemberg angekommen, erwartet uns eine Straße bzw. ein Innenstadtverkehr, den ich so schnell nicht vergessen werde. Kopfsteinpflaster soweit das Auge reicht, Straßenbahnschienen kreuz und quer und dazu gefühlte „tausend“ Busse machen einen fließenden Verkehr fast unmöglich. Der Weg in Richtung Stadion ist zum Glück ausgeschildert, fällt uns aber erst beim 2. Hinschauen auf. Nun aber schnell raus hier. Nach 20 Minuten treffen wir auf eine Polizeisperre, die die Sperrzone rund um das Stadion markiert. Gegenüber findet sich ein Parkplatz, der sogar „bewacht“ wir. Zumindest macht jemand einen auf Einweiser wofür er im Nachhinein noch 5 € kassieren will. Kurzentschlossen steigen wir in einen alten Trolleybus in Richtung City (sogar in lateinischer Schrift ausgewiesen) ein. Hier angekommen, wird einem die deutsche Dominanz fast unheimlich. Weiß und Grün bestimmen das Geschehen. Ansonsten bin ich ein wenig enttäuscht von der Altstadt und es bleibt die Hoffnung auf ein richtig gutes Fußballspiel.

Die Fan-Shuttlebusse sind nun übervoll und alles bewegt sich in Richtung Stadion. Wir passieren mit dem Bus die Polizeisperre und durchqueren die Lemberger Vorstadt mit ihren hässlichen Plattenbauten. Die Busfahrer scheinen Spaß zu haben am freien Fahren auf der dreispurigen Straße und holen alles raus… Am Rande der Stadt enden Fahrt und Straße im Nirgendwo. Auf einer halbfertigen Straße sind die letzten 1000 Meter zu Fuß zu bewältigen. Nun taucht auch die „Schüssel“ von Lemberg auf. Wir sind ziemlich früh im Stadion, sodass wir uns alles in Ruhe anschauen und die Atmosphäre und Vorfreude genießen können. Ein Blick rund um das Stadion bestätigt meine Vermutungen und die Ankündigungen in der Presse – ein schlüsselfertiges Stadion sieht anders aus, vor allem die unfertigen Außen- und Sanitäranlagen fallen ins Auge. Aber egal – Hauptsache man kann Fußball spielen. Und von innen ist dieses Stadion echt ein Schmuckkästchen geworden. Ganz nach dem Motto „klein aber fein“ fühle ich mich sofort wohl hier.

Als die deutsche Nationalhymne erklingt, geht es nun endlich los. Der deutsche Fan zeigt sich gleich mal von seiner „besten“ Seite und wirft die Plakate der Choreografie auf den Platz. Trotz mehrmaliger Aufforderung (in deutscher Sprache) dies bitte zu unterlassen, fliegen immer wieder auch noch in der zweiten Hälfte vereinzelt Papierkugeln auf den Platz. Das Spiel beginnt wie die erste Partie eines Turniers beginnen muss – abtasten, kompakt stehen und ja nicht zu viel Risiko eingehen. Als dann doch mal eine Flanke den Weg (über Umwege und abgefälscht) in den Strafraum findet, ist Gomez zur Stelle und verwandelt zum Siegtor in der 82. Minute. Die Stimmung während des Spiels ist anders als im Vergleich zum normalen deutschen „Fußballalltag“. Viele ruhige Passagen begleiten das Spiel. In der zweiten Halbzeit wird viel über rhythmisches Klatschen versucht, was sich als Erfolg erweist und zum 1:0 führt. Nach dem Spiel genießen wir kurz die Stimmung. Allerdings geht das relativ schnell vorbei, es ist ja auch schon kurz vor Mitternacht und alle wollen schnell wieder in die Stadt bzw. viele Deutsche direkt zurück in die Heimat. Der Bustransfer klappt wieder ohne Probleme und wir sind schnell an unserem Auto. Auf Zuruf hält der Busfahrer im letzten Moment an und lässt die ersten Leute aussteigen. Unser Auto (steht zum Glück unversehrt an seinem Ort) hat nun einen weiten Ritt vor sich.

Ein letztes Mal Tanken in der Ukraine für nicht mal einen Euro pro Liter und schon stehen wir wieder an der Grenze. Nach nur 20 Minuten haben wir sie passiert. Das Anfangsstück in Polen wird zur Geduldsprobe: Viele 70-Zonen, Radarkontrollen und schlechte Fahrabschnitte lassen einen nur langsam voran kommen, sorgen aber für genug Abwechslung, sodass man nicht einschlafen kann. Gegen 4:30 Uhr erreichen wir die Autobahn bei Krakau. Wir kommen mit einem Zwischen- und einem Tankstopp aus und haben nach 10 Stunden Fahrt um 10 Uhr morgens wieder Berliner Boden unter den Füßen. Der Roadtrip hat sich auf jeden Fall gelohnt, wichtig sich nach der Vorberichterstattung in Deutschland selber ein Bild in den beiden Ländern zu machen. Gerade die Nacht in Krakau und die Anreise in die Ukraine waren sehr eindrücklich und haben gezeigt, dass Polen der Ukraine in der Entwicklung deutlich voraus ist.
Nun kann die EM auch in Deutschland beginnen…

Ein Bericht von Christoph (rechts im Bild)

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