Vergangenheit oder Zukunft – Das alte Stadion und die neue Arena im Vergleich

Bei Stadionbauprojekten wird häufig diskutiert, ob ein bereits bestehendes renoviert oder ein neues an gleicher oder anderer Stelle gebaut werden soll – so war es unter anderem in Stuttgart, Valencia und Dresden. Auch in Lviv hätte man im Vorfeld diese Frage stellen können, gibt es mit dem Ukrajina doch bereits ein Stadion, das sogar etwas näher am Stadtzentrum liegt als die neue Arena Lviv. Ein Umbau hätte außerdem viel Geld gespart. Doch allein, da das Ukrajina auf einem Hügel liegt und nur von einer Seite eine ordentliche Straßenanbindung besitzt, reicht das bei Europameisterschaften äußerst wichtige Argument der Erreichbarkeit, um einen Neubau an anderer Stelle zu rechtfertigen. Ob man sich dabei in Lviv für den besten Ort entschieden hat, sei dahingestellt. In jedem Fall bietet sich nun ein Kontrast, wie er größer kaum sein könnte und doch zeigt unser Vergleich von altem Stadion und neuer Arena überraschende Gemeinsamkeiten.

Geschichte und Fassungsvermögen: Die Arena wurde im November 2011 eröffnet, das Ukrajina steht bereis seit 1963 und hörte bis 1990 auf den Namen Druzhba (Freundschaft). Es sah unter anderem 1992 das erste ukrainische Meisterschaftsendspiel, einige Spiele der ukrainischen Nationalmannschaft (die sie allesamt gewann) und ein 3-4 von Karpaty Lviv gegen Borussia Dortmund in der Europa League Saison 2010/11. Für Stadion-Ostalgiker ist die Schüssel ein Hingucker, die Arena dagegen eher für die Fans moderner Stadion-Architektur. Sie fasst 34.915 Zuschauer (beim EM-Spiel Deutschland-Dänemark, bei dem einige der folgenden Fotos aufgenommen wurden, waren 32.990 Plätze besetzt), das Ukrajina bietet seit einer Anpassung an die UEFA-Anforderungen für Europapokal-Spiele 28.051 Menschen Platz, der Rekord stammt aus dem Jahr 1971 mit ca. 51.000 Zuschauern.

Umgebung: Beide Stadien liegen im Grünen, das Ukrajina im Snopkivskij Park auf einer Anhöhe, die Arena gleich einem gestrandeten UFO auf der sprichwörtlichen grünen Wiese. Beiden gemeinsam ist die eher weniger schöne Wohnbebauung in der Nähe:

Anfahrt: Sowohl die Arena, als auch das Ukrajina sind nicht ganz leicht mit dem öffentlichen Verkehr zu erreichen, es wartet jeweils noch ein kleiner Fußmarsch – beim Ukrajina sogar über Wege, die mal wieder gewartet werden könnten. Zu den EM-Spielen wurden für die Anfahrt zur Arena neben den normalen Bussen auch Shuttle-Busse für die Fans eingesetzt, aber auch von deren Haltestellen musste man noch 15-20min zu Fuß zur Arena laufen.

Vorplatz: Der Bereich rund um die Arena lädt deutlich mehr dazu ein, vor dem Betreten des Stadions noch ein wenig zu verweilen. Hier gibt es Bänke und viel Platz. Die verwitternden Bügel vor dem Ukrajina drängen dagegen zum zügigen Anstellen. Und auch für den Fanartikelkauf bietet die Arena – zumindest bei der EURO 2012 – mehr Raum. Kassenhäuschen sucht man dort allerdings – im Gegensatz zu Verpflegungsständen – vergeblich, ganz anders beim Ukrajina…

Parkplätze und Eingang: Am Aussehen der Parkplätze – und im Falle des Ukrajina auch der parkenden Autos – lässt sich gut der Unterschied zwischen alt und neu festmachen. Allerdings drängt sich bei beiden Stadien der Eindruck auf, dass die Zahl der vorhandenen Parkplätze nicht ausreichen kann.
Ein krasser Unterscheid zeigt sich bei den Ein- und Aufgängen: wirkt das Stadion von außen wie ein Hochsicherheitsgefängnis (u.a. mit Natodraht), warten bei der Arena nur elektronische Drehkreuze und die Treppe sieht auch freundlicher aus als der hinter Eisenzäunen versteckte Asphaltaufgang im Ukrajina.

Tribünen: Beide Stadien haben ausschließlich Sitzplätze, auch wenn die Kurve unterhalb der Anzeigetafel im Ukrajina nicht mehr danach aussieht. Im Punkt Tribüne zeigen sich aber auch deutliche Unterschiede: Die Arena ist komplett überdacht, beim Stadion nur die Haupttribüne; die Arena hat Logen auf der ganzen breite der Haupttribüne, das Stadion fast keine; die Arena hat in den Kurven und auf der Gegengerade zwei Ränge, das Stadion nur einen. Dafür ist die Farbgestaltung ähnlich und mit überwiegend Blau und Gelb auch naheliegend, trotzdem dürften die Sitze in der Arena deutlich bequemer sein.

VIP-Bereich: Wie es sich für ein Stadion nach modernsten Standards gehört, hat die Arena Lviv einen äußerst komfortablen VIP-Bereich für 450 Personen mit eigenem Eingang, dem zweitgrößten Restaurant der Stadt und 15 Logen. Die „wichtigen“ Gäste im Ukrajina müssen sich den Eingang mit den normalen Besuchern der Haupttribüne teilen und haben neben einem abgetrennten Sitzplatzbereich mit bequemeren Stühlen nur wenige Logen.

Presse und Sound: Beide Anlagen verfügen über einen Pressekonferenzsaal, die Arena hat zudem Presseplätze in bester Lage (zur EURO deutlich erweitert) mit modernster Technik, unter anderem Monitore und Internetanschluss, außerdem eigene Räume für Fernsehstudios. Im Stadion muss sich die Presse mit weniger begnügen, zumindest gibt es aber eigene Kommentatorenkabinen. Auch die Beschallung der Zuschauer ist in der Arena moderner, die Lautsprecher hängen unter dem Dach, im Stadion stehen sie noch auf Pfählen vor den Tribünen und sehen auch nicht so leistungsfähig wie ihre Pendants in der Arena aus.

Anzeigetafel und Flutlicht: Bei den Anzeigetafeln könnten die Kontraste kaum größer sein – die Anlage im Ukrajina strahlt mit ihren Glühlampen den Charme der 70er aus und hat ihre besten Tage ganz offensichtlich schon länger hinter sich, die Arena verfügt über zwei hochmoderne LED-Displays. Das Flutlich der Arena hat eine Stärke von über 2000 Lux und ist rund um das Spielfeld unterm Dach verteilt. Die Beleuchtung des Stadions kommt auf immerhin 1400 Lux und verteilt sich auf 4 Masten und ergänzende Lampen hinter der Gegentribüne sowie am Dach der Haupttribüne.

Tunnel, Bänke, Rasen: Der Zugang zum Spielfeld ist für die Spieler in der Arena deutlich luxuriöser, von den Kabinen geht es durch die Mixed-Zone direkt Richtung Mittellinie. Im Ukrajina befinden sich die Kabinen nicht im Stadion selber, sodass der Zugang durch das ehemalige Marathontor erfolgt. Vor dem Betreten des dort untergebrachten Spielertunnels können die Spieler zudem Maria um Beistand bitten. Die Spielflächen beider Stadien entsprechen der UEFA-Norm von 105x68m, der Rasen in der Arena besteht laut Aussage unseres Stadionführers aus „dem besten Gras Hollands“, aber auch der 2007 neu verlegte Rasen des Ukrajina zählt zu den besten in der Ukraine. Doch auch die Spieler, die diese Felder nicht betreten dürfen haben es in beiden Stadien auf den Bänken sehr bequem.

Vergangenheit oder Zukunft?
Zweifellos ist die Arena Lviv das modernere, komfortablere und den neuen Anforderungen besser gewachsene Stadion. Trotzdem bleibt die Frage der Nachhaltigkeit. Karpaty Lviv bezeichnet auf seiner Internetseite beide Stadien als seine Heimspielstätten, nennt aber zum Ukrajina viel mehr Details. Außerdem gibt es Berichte, dass Karpaty nicht vor 2018 in die neue Arena umziehen wird. Und wer weiß, ob das überhaupt passieren wird. Doch wäre eine ungenutzte Arena ein weiteres Beispiel für die Defizite sportlicher Großveranstaltungen in puncto Nachhaltigkeit. Die traditionsbewussten Karpaty-Fans sind ganz sicher keine Befürworter eines Umzugs und bleiben lieber im mit den Erinnerungen der Vergangenheit behafteten Ukrajina (siehe Ehrung der sowjetischen Pokalsiegermannschaft von 1969), passend dazu wurde die Arena nicht von Karpaty, sondern von der ukrainischen Nationalmannschaft eröffnet (siehe Spielball vom Eröffnungsspiel in der Kabine). So bleibt offen, wer sich in Lviv durchsetzt – die charmante Vergangenheit oder die moderne Zukunft?

von Stephan

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