Die nackte Seite der EM : Fußball und Prostitution

von Sara Dutch

Die EM 2012 zieht, wie jede andere internationale Fußballmeisterschaft, zehntausende von Fans – hauptsächlich Männer – aus der ganzen Welt in die Austragungsorte. Zum Spaß gehören natürlich Fußball, Bier und manchmal auch Prostituierte. Klischeehaft? Amnesty International Deutschland hat das Thema jedenfalls während der WM 2006 intensiv behandelt, mit Hilfe einer Kampagne Namens „Abpfiff – Schluss mit Zwangsprostitution“, um die Fußballbegeisterten der Welt für die mit Fußball verbundene Zwangsprostitution zu sensibilisieren.

Die Gleichung „Fußball – männliche Fans – Prostitution“ scheint aber nicht mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Organisationen, die sich mit Menschenhandel und Prostitution beschäftigen, wie beispielsweise La Strada International, berichten, dass Fußball-Großereignisse eher den Bierkonsum ansteigen lassen würden, was wiederum zu „Unfähigkeiten“ für das Sex-Geschäft führen solle. Amnesty selbst meldete als Bilanz ihrer Kampagne: „Dass der befürchtete Anstieg der Zwangsprostitution während dieser WM eher ausgeblieben ist, zeigt, dass die Kampagne sogar präventiv gewirkt haben könnte.“

In Lviv setzt sich die Organisation Salus seit Mitte der Neunziger für die Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten und insbesondere HIV ein. „Wir haben der Stadtverwaltung angeboten, gemeinsam eine Kampagne gegen HIV zu starten, unter anderem mit Kondomaten und Info-Ständen im Stadtzentrum. Diese hätten die Fußball-Fans für die Problematik von Prostitution und HIV sensibilisieren können. Unser Vorschlag wurde leider abgelehnt.“, berichtete Olena Kowaltschuk, eine der Geschäftsführerinnen des Vereins.

HIV ist ein ernsthaftes ProbleOlena Kowaltschukm in der Ukraine. Mit einer  Infektionsrate von 1,1 Prozent – der höchsten Europas – sind zur Zeit offiziell 350.000 Ukrainer HIV positiv, dazu hat das Land auch die höchste HIV Wachstumsrate der Welt. Die Prostituierten – hauptsächlich Frauen, aber auch Männer – sind davon natürlich besonders betroffen.

Prostitution ist in der Ukraine immer noch illegal, auch wenn es 2006 für straffrei erklärt wurde. Diese Statusänderung hat zwar die Prostitution in eine Grauzone gerückt, aber an der Lage der SexarbeiterInnen nichts geändert: Polizeigewalt und Stigmatisierung gehören für sie immer noch zum Alltag dazu. FEMEN, die bekannteste feministische Organisation in der Ukraine, hatte im Winter 2011 in einem Artikel in der Zeitschrift EMMA angekündigt, dass die Ukraine für die EURO 2012 Prostitution legalisieren würde. Dies bringt Olena Kowaltschuk zum Lachen: „Die Herangehensweise an Prostitution hat mit der Zusammensetzung der Regierung zu tun. Wendet sich diese Europa zu, wie zum Beispiel nach der Orangenen Revolution, ist die Politik liberaler. Seit 2008 orientiert sie sich allerdings eher an der russischen Linie: alles verbieten und möglichst wenig darüber sprechen.“ Im Zusammenhang mit der EM fasste man eine Legalisierung tatsächlich ins Auge. Das Hauptargument: eine neue Einkommensquelle durch Steuern schaffen. Laut Menschenrechtenaktivisten sind politische Änderungen jedoch von der Arbeit der Zivilgesellschaft abhängig. Selbst diejenigen NGOs, die sich für die Rechte der Prostituierten einsetzen, können sich nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Die Legalisierung betrachten sie bisher nicht als die optimale Lösung, um die Bedingungen für die Betroffenen zu verbessern.

Die Ukraine ist in diesem Bereich auch Opfer von Vorurteilen: laut einer Umfrage des Kyiv Sociological Institute wurde 70 Prozent der befragten Studentinnen von Touristen angeboten, mit ihnen Geschlechtsverkehr gegen Geld zu haben. Die Statistik sagt aber auch, dass die Mehrheit der etwa 60.000 ukrainischen Prostituierten über einen Hochschulabschluss verfügt. Laut Salus ist nach Drogensucht der Versuch, eine schnelle Einkommensquelle zu schaffen, der Hauptgrund für Prostitution, beispielsweise um das Studium zu finanzieren. Die meisten Studentinnen, die dies machen, machen es auch nur kurzfristig, oder gelegentlich.

Die EM sollte keine große internationale Migration von Prosituierten zu den Austragungsorten verursachen. „Klar werden die lokalen Frauen vom Land in die Stadt kommen. Aber in diesem Bereich ist kein massiver Verkehr aus dem Ausland zu erwarten.“

Hat dann die EM überhaupt eine Auswirkung auf Prostitution in der Ukraine? Vielleicht nicht die, die man erwarten würde. Laut Olena Kowaltschuk gehört in Lviv einem hochrangigen Polizeibeamten ein Hotel in der Nähe des Stadions, wo die meisten Zimmer stundenweise vermietet werden. Dort hätten die Frauen schon während des dreijährigen Stadionbaus gutes Geld gemacht, zumeist mit Bauarbeitern. Vielleicht gilt jetzt für sie die EM als Ruhezeit.

Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Deutsch, Lviv abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die nackte Seite der EM : Fußball und Prostitution

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s