Eine Strategie für Lviv

Welche Herausforderungen wird Lviv in den nächsten Jahren anpacken? Warum sind die Hotelzimmer während der EURO 2012 so teuer in Lviv? All das haben wir den obersten Strategieplaner der Stadtverwaltung Lviv, Oleksander Kobzarev, gefragt.

Eindrücke aus dem Rathaus

Stolz steht das Rathaus im Zentrum von Lviv. Der große Turm ist aus der ganzen Innenstadt sichtbar und ein beliebter Aussichtspunkt für Touristen. Doch wir wollen uns nicht an der Schönheit der Altstadt erfreuen, sondern werden drinnen fragen, was sich in Lviv in den nächsten Jahren ändern wird.

Wir laufen durch das altehrwürdige Gebäude und gelangen durch ein vollgepacktes Vorzimmer in das Büro des obersten Strategieplaners der Stadt. Erstaunt stellen wir fest, dass sich selbst Herr Kobzarev das Büro mit zwei jungen Mitarbeitern teilt. Seit 2009 leitet er die neu geschaffene Abteilung des City Institute Lviv mit 14 Mitarbeitern. Deren Aufgabe ist es, die Ziele der einzelnen Bereiche zu koordinieren und die 115 bestehenden Strategien zu einer großen Rahmenstrategie zusammenzufassen. Sein Team hat in mehreren Stadien der Strategieentwicklung die Bevölkerung befragt und hat sich best practices Beispiele aus anderen Ländern angeschaut. Außerdem stehen sie in regem Austausch mit Stadtverwaltungen auf der ganzen Welt. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Partnern um von deren Expertise zu profitieren und um an Gelder für Infrastrukturprojekte zu kommen.“ so Kobzarev.

Potentiale und „Flaschenhälse“ der Stadt

Wie in fast allen Strategien weltweit steht Lebensqualität und Wirtschaftsentwicklung ganz oben auf der Prioritätenliste, so Kobzarev. Als dritte Priorität steht in Lviv die Nationale Tradition. Lviv ist weltweit die größte ukrainischsprachige Stadt und die Stadtverwaltung betrachtet die Pflege der nationalen Kultur als besonders wichtige Aufgabe. Im Bereich Wirtschaftsentwicklung sieht das Team um Kobzarev vor allem IT und business process outsourcing sowie den Tourismus als zukunftsträchtige Branchen. Hier hat sich das Team eine Million Touristen im Jahr als Ziel gesetzt und mit derzeit etwa 800 000 ist die Stadt auf dem besten Wege dieses Ziel schon bald zu erfüllen. Problematischer sieht es bei der Korruptionsbekämpfung aus. Hier hat die Stadt EU-Zuschüsse beantragt und kooperiert mit der niedererländischen Firma Moral Judgement. Kobzarev sieht die Entwicklung realistisch: „In Europa hat man 100 Jahre gebraucht um das Problem zu lösen, also können wir nicht erwarten, dass wir dieses Problem in 2, 5 oder 6 Jahren lösen. Ähnlich sieht es bei der Wirtschaftsentwicklung aus. Doch ich bin optimistisch. Ja, wir haben Probleme aber wir kennen sie und packen die Probleme an.“

Als Beispiel nennt er das öffentliche Verkehrssystem, das vor ein paar  Monaten umgestellt wurde. Erstmals fahren anstatt Maschrutkas (Minibusse mit ca. 20 Sitzplätzen) auch große Omnibusse. Somit hat sich die Anzahl der Linien deutlich verringert, was den Staus im Stadtzentrum entgegenwirkt. „Früher gab es zwar auch  feste Linien, doch die Maschrutkafahrer haben versucht auf einer Linie möglichst viele Leute mitzunehmen, deswegen führten die Strecken auch im Zick-Zack durch Seitenstraßen.“ Kobzarev steht auf und zeigt uns die Straßen auf der Wandkarte. „Heute fahren die Linien sternförmig ins Zentrum. Zudem wollen wir ein elektronisches Ticket einführen. Bisher haben die Maschrutkafahrer den Fahrpreis bei jeder Fahrt in Bar eingenommen.“

Einen  „Flaschenhals“, also ein Problem, dass die Entwicklung der ganzen Stadt bremst, sieht Kobzarev beim Flughafen. Zwar fliegen einige Fluggesellschaften den Flughafen an doch ohne Billigfluglinien werden keine Touristen nach Lviv kommen. Außerdem soll ein Gewerbepark entstehen um günstige Investitionsbedingungen zu schaffen. „Die Formalitäten in den Gewerbeparks sind bereits erledigt, sodass die Investoren sehr viel schneller die Grundstücke kaufen können.“

EURO 2012: Teure Zimmer – leere Zimmer?

Auf unsere Nachfrage nach den teuren Hotelzimmer antwortet Kobzarev, dass die Stadt keinen Einfluss auf die Preise der Hotels hat: „Wir konnten lediglich auf sie einreden und ihnen klarmachen, dass niemand so überteuerte Zimmer buchen wird und die Hoteliers Gefahr laufen, am Ende auf leeren Zimmern sitzen zu bleiben. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, neue Hotels zu bauen. Wir kümmern uns um die Infrastruktur wie Straßen und Wasserversorgung, doch Hotels müssen private Investoren bauen. Außerdem hat die UEFA schon seit Monaten komplette Hotels für sich geblockt.“ Kobzarev bedauert, dass wegen der hohen Preise viele Touristen Lviv fernbleiben werden, um  sich stattdessen zu Normalpreisen in Krakau einmieten. „Unsere Regierung hat daran gedacht teure Hotels und neue Flughäfen zu bauen, aber nicht an die normalen Fans.“

Kein Grundstück für eine neue Mülldeponie

Auch Herrn Kobzarev haben wir auf die Müllhalde Grybowichy angesprochen. Er betont, wie sehr die Stadt daran interessiert ist, eine moderne Mülldeponie und eine Recyclinganlage zu bauen. Die Stadt verhandelt mit einem französischen Unternehmen und dem österreichischen Unternehmen  AVE über die neuesten Technologien. Das Problem sei aber die Suche nach einem Grundstück, da keine Gemeinde eine solche Anlage auf Ihrem Geländer haben möchte. Darüber hinaus fördert die Stadt spezielle Kurse in den Schulen um das Umweltbewusstsein der Bevölkerung zu stärken.

Nach zwei Stunden stehen wir wieder draußen auf dem Marktplatz und haben festgestellt, dass die Mühlen der Bürokratie auch in Lviv langsam laufen. Doch nach all der negativen Berichterstattung in den deutschen Medien ist es herrlich erfrischend zu wissen, dass es auch in der ukrainischen Verwaltung motivierte, optimistische und international vernetzte Mitarbeiter gibt.

Das Interview führten Constanze Aka, Sara Dutch und Anne Höh

Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Deutsch, Infrastruktur, Lviv, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s