Was passiert mit dem Stadionmüll? Müllpolitik in der Ukraine – Interview mit Irina Baglaij

Der  österreichische Entsorgungsbetrieb AVE ist der erste nicht-ukrainische Entsorgungsbetrieb in Lviv. Sie sind seit 2010 dort aktiv und haben unter anderem die Mülltrennung eingeführt. Als technischer Partner der Stadt während der EM wird AVE  den Stadionmüll entsorgen und die Fanzone sauber halten.Ein Interview über Müllpolitik in der Ukraine mit Irina Baglaij, Mitarbeiterin von AVE Lviv.

Das Gespräch führten Artjom Gogov, Constanze Aka und Anne Höh

Kick-off Ukraine: „Warum hat sich AVE entschlossen, in den Markt in Lviv einzusteigen?“

Baglaij: „AVE ist ein österreichisches Entsorgungsunternehmen und wir haben viel Erfahrung in Mitteleuropa, besonders in Ungarn gemacht. Doch die Ukraine ist nicht in der EU, das ist etwas anderes, daher haben wir als erstes 2004 mit der Müllentsorgung in kleineren Städten an der ungarischen Grenze angefangen. 2010 haben wir eine lokale Müllfirma in Lviv übernommen und entsorgen nun in der ersten großen ukrainischen Stadt.“

Kick-off Ukraine: „Was hat sich seit dem Beginn Ihrer Arbeit in Lviv verändert?“

Baglaij: „Seit 2011 wird der Müll gewogen und pro Tonne bezahlt. Das bedeutet, dass jeder Stadtbezirk genau das bezahlt, was er auch an Müll produziert. Außerdem haben wir neue Fahrzeuge angeschafft und die getrennte Sammlung eingeführt. Es gibt nun Container für PET-Flaschen, Glas, Papier und Restmüll. Die PET-Flaschen werden in vier Farben sortiert, gepresst, und dann an ein Recyclingunternehmen in Lviv verkauft. Wir haben jetzt Recycling, ein bisschen, 1%“ Irina Baglaij lacht beherzt „Aber das ist ein Anfang.“

„Das hat super funktioniert. Wir hätten nie gedacht, dass die Sammlung von PET Flaschen funktioniert. Die kommen jetzt nicht mehr zur Deponie. Aber unsere Deponie  Grybowichy  ist eine Katastrophe, das muss ich sofort sagen. Das ist schon seit 10 Jahren eine Katastrophe, aber wir können nichts machen. Die soll schon seit 1990 geschlossen werden, die ist übervoll, die ist nicht standardisiert, alle Flüssigkeiten gelangen in den Boden. Das ist keine Deponie. Wir nennen es auch nicht Deponie sondern Svalischte (dt. etwa „Abladeplatz“). Die Stadtverwaltung plant, eine neue Deponie zu bauen. AVE ist bereit, sich zu beteiligen aber die Stadt muss ein Grundstück genehmigen. Seit 5 Jahren gibt es keine Genehmigung.

Kick-off Ukraine: „Was passiert im Vorfeld der EM? Ändert die EM etwas an Gesprächen über das Grundstück?“

Baglaij „Das Grundstück ist keine Frage, die in Zusammenhang mit der EM diskutiert wird.“

Kick-off Ukraine: „Wie ist AVE bei der EM beteiligt?“

Baglaij: „Die UEFA-Ausschreibung für die Stadionmüllentsorgung hat VEOLIA für alle Stadien gewonnen. Wir arbeiten als deren Subunternehmen. Auch beim Eröffnungsspiel haben wir die Entsorgung des Stadionmülls übernommen. Damals fielen ca. 6 Tonnen Müll an. Außerdem werden wir den Müll der Fanzone entsorgen. In diesem Bereich hat AVE schon Erfahrungen bei der EM in Österreich gesammelt.

Kick-off Ukraine: „Wer entsorgt den Müll der Touristen außerhalb der Fanzone.?“

Baglaij: „Wir entsorgen den Müll in 5 der 7 Zentrumsbezirke. Ab Mai werden wir mehr Container aufstellen und diese häufiger leeren. Aktuell sind wir in Gesprächen mit der Stadtverwaltung wer für diese Kosten aufkommen muss. Die Anwohner können dafür nicht bezahlen. Wir werden sehen.“ (Anmerkung: Derzeit zahlen die Bürger von Lviv pro Monat 3-4€ für die Müllentsorgung)

Kick-off Ukraine: „Ist die EM ein gutes Geschäft für AVE?“

Baglaij: „Nicht ganz, es ist keine business-Maßnahme, mit der wir viel Geld verdienen werden. Aber wir denken nicht so. Wir profitieren natürlich von mehr Marketing und der Erfahrung. Wir werden überall zu sehen sein: unsere Mülleimer haben Logos unsere Jacken haben Logos. Unsere Spezialabteilung kontrolliert ob die Logos gut sind und die Container in Ordnung sind. Monatlich werden die Müllcontainer nachts mit dem Hochdruckreiniger gewaschen.“

Kick-off Ukraine: „Werden für die EM neue Mitarbeiter eingestellt werden?“

Baglaij: „Es werden ständig neue Mitarbeiter eingestellt. Wir sind seit 2010 von 50 auf 80 Mitarbeiter gewachsen. Für die EM werden wir nicht viele neue Leute brauchen. Nur für das Cleaning der Fanzone werden wir ca. 5 neue Mitarbeiter einstellen.“

–          Irina Baglaij zeigt stolz auf das Foto einer Straßenkehrmaschine

Baglaij: „Das ist unsere Straßenreinigungsmaschine. Wir haben sie erst letzte Woche gekauft. Die Straßenpolizei hat uns mitgeteilt, dass dies die erste Straßenkehrmaschine der Marke HAKO in der Ukraine ist.“- Irina Baglaij lacht

Kick-off Ukraine: „Kommt die Maschine auch mit ukrainischen Straßen zurecht?“

Baglaij: „Ja, das haben wir schon ausprobiert. Sie kann auch durch Schlaglöcher fahren.“

Kick-off Ukraine: „Wird das nicht viele Arbeitsplätze von Reinigungskräften kosten?“

Baglaij: „Es gibt nie genügend Arbeiter für solche Arbeit. Und die Fahrer der Kehrmaschinen werden direkt für AVE arbeiten. Sie werden etwa 3000 UH (ca. 285 €) netto verdienen. Die Fahrer der Müllwagen verdienen mehr, da sie z.B. auch nachts und am Wochenende arbeiten müssen. Sie müssen gut verdienen, um die Arbeit gut zu machen. Außerdem sind sie für die Technik zuständig und die ist teuer! Wir müssen schon verantwortungsvolle Leute haben und solche Leute wollen gut verdienen.“

Kick-off Ukraine: „Welche Herausforderungen hat AVE in der Ukraine?“

Baglaij: „Wir haben eine gute Zusammenarbeit. Auch wenn es eine ukrainische Art der Zusammenarbeit ist. Pro Fuhre sammelt ein Müllauto nur Müll aus einem Bezirk, so können wir genau abrechnen. Wir haben zwar jeden Monat Diskussionen mit den Bezirken über die Menge des gesammelten Mülles, aber das ist immer noch einfacher als tausende einzelne Verträge direkt mit den Haushalten. Und die Kommunen zahlen zuverlässig.“

Kick-off Ukraine: „Sind Sie daran interessiert, Mülltrennung zu fördern?“

Baglaij: „Wir sind interessiert aber wir sind nur eine der fünf Entsorgungsfirmen in Lviv. Wir sind keine Schule. Diese Aufgabe ist zu groß, da müssen wir mit der Stadt und Bildungsreinrichtungen zusammenarbeiten.“

Wissen Sie, wir investieren in die Behälter. Aber es gibt keinen Wertstoff darin. Warum investieren wir also?  Wir machen das erst seit einem Jahr und die Presse ist auch sehr interessiert. Letzte Woche habe ich ein Interview gegeben und wurde gefragt, warum der Müll nicht getrennt gesammelt wird.

Viele ältere Menschen sagen, dass getrennte Sammeln sei zu kompliziert. Sie hätten nicht genügend Platz und Tüten zum getrenntenSsammeln. Da kommt noch die alte Mentalität durch. Daher müssen wir mit den Jungen arbeiten. Die werden dann zu Ihren Eltern sagen ‚Hey Mama, du musst den Müll trennen‘ “

Kick-off Ukraine: „Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Stadt in diesem Bereich?“

Baglaij: „Jeden Monat gibt es ein Meeting von allen Entsorgungsbetrieben und der Stadt sowie den Bezirksleitern. Wir kommunizieren fast jeden Tag.“

Kick-off Ukraine: „ Was sind die Ziele von AVE Lviv in den nächsten Jahren?“

Baglaij: „Die Mülltrennung aufbauen und wir wollen auch in Bezirken außerhalb der Stadt sammeln. Wir wollen dort mit PET, Glas und Papier anfangen. Alles Schritt für Schritt. Wir wollen mit den Kehrmaschinen weitermachen. Eventuell neue Maschinen kaufen und hier ein neues Business aufbauen. Vor allem im Zentrum sollen die Straßen sauber sein. Wenn die Touristen kommen, das wird der Wahnsinn sein.

Das Wichtigste für uns ist natürlich eine neue Deponie. Wir werden da auch voll Power mithelfen. Wir haben über 30 eigene Deponien in Europa. Hier in Lviv wird es zwar nicht unsere eigene Deponie werden, aber wir wollen mithelfen mit dem Management und unseren Erfahrungen mit europäischen Standards. Die alte Deponie ist nicht nur für die Anwohner ein Alptraum sondern auch für uns. Wir haben viel Geld für Ersatzteile verloren, weil unsere Autos ständig kaputtgehen. Die Deponie ist in einem sehr schlechten Zustand. Es gibt keine ordentlichen Straßen, alles ist voller Müll. Das ist keine Deponie, wir können da nicht arbeiten. Außerdem gibt es regelmäßig Proteste der Anwohner und sie versperren den Weg zur Deponie. Letzten Monat hatten wir alleine zwei solcher Maßnahmen. So kann es nicht weitergehen. Ich wohne in dieser Stadt und ich möchte eine normale Deponie haben.“

Kick-off Ukraine: „Haben Sie Projekte zum Thema Müll und Energie?“

Baglaij: „Ein ungarischer Kollege hat eine Analyse der Stadt für die nächsten 30 Jahre durchgeführt und ein Konzept mit neuer Deponie, Müllverbrennungsanlage und Mülltrennung erstellt. Dieses Konzept haben wir vor 2 Monaten bei der Stadt eingereicht. Auch IFC (International Finance Cooperation) hat ein Konzept eingereicht. Nun muss die Stadtverwaltung die Konzepte prüfen.“

Kick-off Ukraine: „Und die anderen Entsorgungsbetriebe in Lviv haben keine Konzepte eingereicht?“

Baglaij: „Die anderen Unternehmen sind nur in der Ukraine tätig. Für sie ist Müllentsorgung ein Business von heute. Von den 5 Unternehmen denken wir und vielleicht noch ein anderes Unternehmen daran, wie es weitergehen soll. Die Lage kann nicht so bleiben, wie sie jetzt ist. Wir werden auch in Zukunft noch viel Arbeit haben. Aber es hat auch schon Verbesserungen gegeben. Sie hätten die Stadt 2009 sehen sollen.“

Kick-off Ukraine: „Wir danken Ihnen für das Gespräch.“

Baglaij: „Ich zeige Ihnen gerne noch unsere PET-Sortieranlage und unser Gelände.“

Kick-off Ukraine: „Gerne!“                            

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2 Antworten zu Was passiert mit dem Stadionmüll? Müllpolitik in der Ukraine – Interview mit Irina Baglaij

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