Bereit für die EURO 2012 – Teil 4: Die Freiwilligen

Etwas müde von der langen Fahrt schleppen Sie ihr Gepäck durch die Bahnhofshalle. Plötzlich strahlt Sie eine junge Frau mit offenem Lächeln an: „Herzlich Willkommen in Lviv! Darf ich Ihnen den Weg zum Hotel zeigen?“ So oder ähnlich wird es im Juni häufiger in Lviv passieren, wenn während der Fußball-Europameisterschaft 900 Volunteers (Freiwillige) dafür sorgen, dass die internationalen Gäste ihren Weg durch die Stadt finden und auch ohne Ukrainischkenntnisse zurechtkommen.

Keine nationale Koordination, kein Budget
Bei Stadion und Infrastruktur gab es lange Zeit Sorgen, dass nicht alles rechtzeitig fertig würde. Beim Volunteer-Programm der Stadt Lviv musste man sich dagegen keine Sorgen machen. Das lag weniger an einem ausgefeilten nationalen Aktionsprogramm, sondern am großen Einsatz von Lvivs Projektkoordinatorin Mariya Chubata. Als diese energiegeladene Frau vor 5 Jahren anfing, das Volunteer-Programm zu planen, war sie auf sich alleine gestellt – eine nationale Koordinatorin wurde erst vor wenigen Monaten eingesetzt, als die meiste konzeptuelle Arbeit schon erledigt war. Und eine Zusammenarbeit mit den anderen ukrainischen Austragungsorten gab es auch nicht, ebenso wenig mit dem Volunteer-Programm der UEFA, also auch keine Kooperation bei Werbung, Training oder Finanzierung. Frau Chubata ging daher den in Lviv naheliegenden Weg, nämlich über die Grenze und informierte sich bei ihren polnischen Kollegen über deren – national einheitliches – Konzept. Außerdem ließ sie sich von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beraten und profitierte sicherlich auch von ihren eigenen Erfahrungen als Volunteer.

Doch auch in Lviv selber galt es einige Hindernisse zu überwinden. Frau Chubata war bis März alleine zuständig für das Programm und hatte zudem noch zwei weitere Projekte im Rahmen der Europameisterschaftsvorbereitungen zu bearbeiten. Zudem war besonders Finanzierung eine lange ungelöste Frage. Als Tourismus-Standort fehlen Lviv finanzstarke Unternehmen als Sponsoren und der Stadtrat beschloss erst Ende März das Budget für das Volunteer-Programm, sodass zwar die Verträge für etwa Uniformen und Verpflegung längst fix waren, wegen der fehlenden Mittelzusage der Stadt aber erst gut 2 Monate vor der EM auch ausgeführt werden konnten.

Englisch, Erfahrung, Einsatzbereitschaft
Das beste Konzept ist nichts, ohne die Menschen, die es ausfüllen. So lebt auch das Volunteer-Programm nicht nur von guter Organisation, sondern von seinen Namensgebern, den Volunteers. Aber was muss man mitbringen, um ausgewählt zu werden? „Englischkenntnisse, Einsatzbereitschaft und Vorerfahrungen sind die Grundvoraussetzungen“, so Mariya Chubata. Gute Englischkenntnisse sind dabei in der Ukraine nicht so selbstverständlich, wie man denken könnte. Zur Unterstützung von Polizei und Krankenhäusern werden einige Freiwillige sogar bei einer Hotline eingesetzt, um bei Verständigungsproblemen „Erste Hilfe“ leisten zu können. Wer dazu noch eine Sprache der Länder spricht, die in Lviv spielen, hat seinen Platz fast sicher, doch wer kann schon Dänisch oder Portugiesisch? Freiwillige im städtischen Medienzentrum sollten zudem über journalistische Vorerfahrungen verfügen oder Journalismus studieren. Alle weiteren Fähigkeiten werden in zwei Trainingsphasen vermittelt. Die Volunteers erhalten nicht nur eine Einarbeitung in ihren speziellen Arbeitsbereich – ob an Bahnhof und Flughafen, im Medienzentrum oder der größten Fanzone der Ukraine – sondern werden auch in interkultureller Kommunikation geschult, um Missverständnissen und Konflikten vorzubeugen. Dazu greift Mariya Chubata auf eine NGO zurück, die schon Freiwilligen-Camps in anderen europäischen Ländern organisiert hat.

Freiwilliges Engagement = NEines der Werbeplakate für das Volunteerprogrammeue Freunde und bessere Jobchancen?
Uljanka studiert Translationswissenschaften für Deutsch in Lviv und hat sich erfolgreich für als Volunteer beworben. Sie war durch Werbeplakate und Anzeigen auf В Контакте, dem osteuropäischen Facebook-Pendant, auf das Programm aufmerksam geworden, den letzten Anstoß gab dann eine Freundin. Andere Freiwillige meldeten sich auf Radio- und Fernsehspots oder nach Programmvorstellungen an der Uni. Auch wenn Ulyanka ihre Stelle letztlich nicht antritt, so ist sie doch überzeugt davon, dass die Teilnahme am Programm eine gute Sache ist. „Ich wollte einfach während der EM im Zentrum aller Ereignisse sein, meiner Stadt helfen und meine Sprachkenntnisse anwenden.“ Andere Volunteers hoffen auf neue Freundschaften mit Gästen aus ganz Europa oder verbesserte Jobchancen. Auch Ulyanka ist der Meinung, dass „wenn man sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, es besser ist Volunteererfahrung zu haben, als gar nichts.“ Mariya Chubata ist da pessimistischer. Sie hofft zwar auf einen Mentalitätswandel in den Personalabteilungen, sieht derzeit aber kein Interesse der Arbeitgeber an Erfahrungen als Volunteer oder guten Fremdsprachenkenntnissen.

Egal, ob das Programm den Volunteers im späteren Leben Vorteile bringt, für Lvivs Image lohnt es sich allemal. Allen Berichten über Fremdenfeindlichkeit und aggressive Hooligans zum Trotz erwarten die ausländischen Gäste viele freundlich gesinnte Jugendliche, die alles für einen angenehmen Aufenthalt tun werden und damit die großartige ukrainische Gastfreundlichkeit sichtbar werden lassen.

Von Stephan

Hier geht es zum gesamten (englischen) Interview mit Mariya Chubata.

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Eine Antwort zu Bereit für die EURO 2012 – Teil 4: Die Freiwilligen

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