Umwelt und Nachhaltigkeit – die „Nicht-Themen“ der EM 2012

Jede sportliche Großveranstaltung ist ein willkommener Anlass für die Gastgeberländer an ihrem internationalen „Image“ zu arbeiten. Bei jeder dieser Veranstaltungen wird ein anderes Thema in den Vordergrund gerückt. Bei der Fußball WM 2010 in Südafrika war es die multi-ethnische „rainbow nation“, 2014 soll in Brasilien die „erste nachhaltige Fußball-Weltmeisterschaft“ stattfinden.

Die brasilianische Regierung hat schon mehrere Maßnahmen getroffen, um ihr Turnier so umweltverträglich wie möglich zu gestalten. Beispielsweise werden für den Bau der neuen Stadien Materialien aus den alten Stadien wiederverwendet und mit Solarzellen ausgestattet. Viele der für die Baumaßnahmen angestellen Arbeiter sind Teilnehmer an sozialen Wiedereingliederungsprogrammen, etwa ehemalige Gefangene. Das bedeutet aber nicht, dass Brasilien alles richtig macht. Viele NGOs, wie Solidar Schweiz, prangern die Räumungen und Vertreibungen in den Favelas, Menschenrechtsverletzungen sowie die Ausbeutung von Arbeitern an und kritisieren die Steuerbefreiung der Großkonzerne, die mit der WM Milliarden von Dollar an Gewinnen machen werden.

Für die EM 2012 scheinen allerdings Umwelt und Nachhaltigkeit gar keine Themen zu sein, weder für die UEFA oder das Organisationskomitee, noch für NGOs. Aus welchen Materialien die Stadien gebaut wurden, woher die Materialien kamen, aus welchen Energiequellen die Stadien betrieben werden etc. erzeugt keine Debatte.

Daniel Bleher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater von Veranstaltern, Verbänden und Politik im Bereich Umwelt und Sport beim Öko-Institut, einem unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitut für Nachhaltigkeitsfragen. Er glaubt, dass der rechtzeitige Abschluss der Baumaßnahmen im Vordergrund gestanden und Energie- und Umweltschutzmaßnahmen in den Hintergrund gedrängt hat. Die EM-Organisatoren haben anscheinend von Anfang an kein ökologisches oder nachhaltiges Konzept entworfen. „Wir wurden letztes Jahr vom Umweltministerium in Polen eingeladen, unser Nachhaltigkeitsprojekt zur Frauen-WM 2011 in Deutschland vorzustellen. Weder Vertreter der UEFA noch des Organisationskomittees waren anwesend. Wenn es Initiativen gibt, dann werden sie lokal begrenzt.“ Auch keines der Unternehmen, die für Baumaßnahmen tätig sind, hat das Institut um Expertise gebeten.

Von einem integrierten, umfassenden Umweltprojekt für die EM 2012, wie es 2008 in der Schweiz und Österreich entworfen und umgesetzt wurde, weiß niemand etwas, wahrscheinlich, weil es keines gibt. Die Zivilgesellschaft, zumindest in der Ukraine, scheint sich auch nicht mit dem Thema zu befassen. Außer Protesten in Charkiw bezüglich Baumfällungen im Rahmen des Stadionumbaus, scheint so gut wie niemand die Umweltbilanz der Veranstaltung zu hinterfragen.

Der größte Anteil der CO2-Emissionen während der EM wird wahrscheinlich durch die An- und Abreise der Fans entstehen – ungefähr 80 Prozent, laut Herrn Bleher.

Die Menge des Ausstoßes soll abhängig von den genutzten Verkehrsmitteln – Flugzeug, Bahn, Bus oder Auto – und der im Land benutzten Verkehrsmittel – öffentliche oder Mietautos – sein. Anreize, um umweltfreundliche Lösungen auszuwählen, gibt es, zum Beispiel die Fahrt mit dem „Ukrainer-Express“. Die Fahrpreise stehen zwar noch nicht fest, aber die Fans werden unbegrenzt zwischen den Austragungsorten fahren dürfen.

Die Expressbahn soll ab den 15. Mai im Einsatz sein, wofür extra neue Schnellzüge bestellt wurden. Jedoch seien nicht alle Strecken für die bis zu 180km/h schnellen Zügen ausgelegt, kündigte der ukrainische Infrastrukturminister Borys Kolesnikov Mitte März an. Selbst wenn Lwiw, Donetsk und Charkiw geeignet sein sollten, stehen im Internet meist noch die alten Reisezeiten, die sich durch die neuen Züge drastisch verkürzen sollten. Die Zugpreise schwanken außerdem jeden Tag. Und wer zwischen den Austragungsorten fliegen will, muss mit ungefähr 400 Euro pro Flug rechnen.

Zwar stehen die Fahrpläne bisher nicht fest, doch besteht Hoffnung, dass sich die Situation noch vor Turnierbeginn löst und umweltfreundliches Fahren mit dem Zug ermöglicht.

Die momentane Unterkunftskrise könnte zusätzliche ökologische Konsequenzen haben. Billigfluglinien bieten seit einigen Wochen Strecken zwischen manchen Austragungsorten in der Ukraine, Lwiw zum Beispiel, und Polen an.

Was fest steht, ist, dass die Ukraine durch die EM neue Straßen, Stadien und Flughäfen gewonnen hat. Die Umweltkonsequenzen des Turniers werden wir wahrscheinlich nicht in der näheren Zukunft erfahren. Aber wer weiß, wenn Herr Röttgen sich ein bisschen weniger mit Boykott und ein bisschen mehr mit Umwelt in der Ukraine beschäftigen würde, könnte sich etwas ändern.

von Sara DutchImage

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