Kostenpflichtig? Wir haben keine Autobahnen!

Die spitze Antwort meines Sitznachbarn auf die Frage, ob Autobahnen in der Ukraine auch kostenpflichtig seien, bringt ein paar andere Mitfahrer zum Lachen. Unser Bus fährt langsam in der Dunkelheit und nähert sich einer weiteren polnischen Mautstelle. Wir befinden uns auf dem Weg von Berlin nach Lviv, in die Ukraine, Heimatland meines Sitznachbarn. Er ist der erste auf der langen Liste von Opfern meiner Neugier und der erste, der mich dem Ziel meiner Reise näher bringen soll: Herausfinden, welche Konsequenzen die Fußballeuropameisterschaft 2012 für die Ukraine mit sich bringt. Zu meinen Fragen zur EM äußert sich mein Weggefährte zuerst einmal ziemlich positiv:

„Die EM ist eine große Chance für die Ukraine – in diesem Land gibt es so viel mehr als politische Intrigen oder attraktive Frauenrechtsaktivistinnen. Die Ukraine ist vielfältig und nun haben wir endlich die Möglichkeit, das zu zeigen.“

Eine Möglichkeit, die seiner Meinung nach nicht ohne Risiko ist. Die legendäre – und wahre! – ukrainische Gastfreundlichkeit bringe die Leute noch lange nicht dazu, ihre mangelhaften Englischkenntnisse aufzubessern. „Wie sollen Polizisten, Busfahrer, Verkäufer die Fragen der Touristen beantworten?“

Die größte Gefahr für den Traum von einer reibungslosen EM bestehe in den Politikern und der Korruption. Vor allem Letztere könnte einen guten Turnierablauf verhindern und den ohnehin schon schlechten Ruf der Ukraine noch verschlimmern. Aber wie fast jeder meiner Gesprächspartner, die das Thema Korruption erwähnen, fühlt sich mein Fahrt-Nachbar, dessen Namen ich nie erfahren habe, machtlos. Das System, diese Hydra, lasse sich leider nicht so einfach besiegen.

Ein paar Stunden später, als die polnisch-ukrainische Grenze schon nicht mehr fern ist, sammelt ein Mädchen Geld ein. Fünf Euro pro Passagier, „um zu verhindern, dass die Zollbeamten unser Gepäck durchsuchen“. Mein Nachbar spendet stillschweigend. Korruption scheint auch ein Problem auf der polnischen Seite der Grenze zu sein. Vielleicht ist sich der Busfahrer auch einfach darüber bewusst, dass manche Gewohnheiten Zeit brauchen, bevor sie verschwinden.

An der Grenze sitzen wir stundenlang fest. Die Stille der Nacht bietet mir Gelegenheit, das lange Gespräch mit meinem Nachbarn zu reflektieren. Es fing an, wie es sehr oft in solchen sozialen „Zwang“-Situationen geschieht. Nach langen Stunden des stummen Nebeneinandersitzens bot eine Überraschungs-Kontrolle von polnischen Zollbeamten den Anlass, sich über ein ganz willkürliches Thema zu unterhalten. In unserem Fall waren es Pässe. Meiner ist mit bunten Stempeln und Visa gefüllt, auf mehreren Seiten haften die großen Aufkleber, die meine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bezeugen. Sein Pass ist auch bunt, und dennoch sehen alle Seiten gleich aus. Ein Aufkleber folgt auf den nächsten  und alle gleichen meinem deutschen Studentenvisum – Schengen-Visa.

Mein Sitznachbar arbeitet für ein Unternehmen, das Metall recycelt. Er muss jedes Jahr nach Deutschland fahren, mehrmals. Dafür beantragt er ein Visum, das ihm ein Jahr lang eine mehrmalige Einreise in den Schengenraum erlaubt, solange er die maximale Aufenthaltsdauer von drei Monaten nicht überschreitet. Und jedes Jahr muss er dafür die gleichen Dokumente vorlegen: eine Einladung, eine Einkommensbestätigung, eine Bestätigung, dass er einen festen Wohnsitz in der Ukraine hat, eine Rückfahrkarte. Das Zusammensammeln dieser Dokumente ist im Vergleich zu dem Ärger, den er hat, um einen Termin bei der Botschaft zu ergattern, allerdings ein Kinderspiel.

Der Bus setzt sich nach fünf Stunden Stillstand an der Grenze endlich wieder in Bewegung. Wir kommen gleich in Lviv an. Die Straße ist gut, sie wurde vor kurzem repariert. Man fährt schnell, selbst wenn es keine Autobahn ist.

Sara Dutch

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